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Keine Klimagerechtigkeit ohne Geschlechtergerechtigkeit!

Women from the Mbini Self-Help Group showing off the fields
Letzten Montag, am 11.11.2013, haben die 19. UN-Klimaverhandlungen in Warschau begonnen. Die Lage ist erst. Der letzte IPCC-Report hat das wieder einmal stark unterstrichen. Die Folgen der globalen Erderwärmung, wie z.B. Dürren, Überschwemmungen oder Wirbelstürme, werden sich in den kommenden Jahren wohl noch spürbar verstärken. Es braucht dringend Maßnahmen, um diese negativen Folgen des Klimawandels auf ein Minimum zu beschränken. Der Diskurs dabei lässt sich in zwei Zielsetzungen aufteilen: Neben dem Ziel des Klimaschutzes durch Emissionsreduktion (Mitigation), wurden Anpassungsmaßnahmen (Adaption) mit dem Bali-Aktionsplan 2007 als dringend notwendig anerkannt.

Viel wird geredet über mögliche Lösungsstrategien. Dabei wird in den Klimadebatten vor allem mit Abkürzungen um sich geworfen, die so recht niemand verstehen mag: COP, CDM, JI, EU ETS, REDD+, AWG KP, LULUCF, CAN, NAPAs, UNFCCC und tausend mehr. Dass aber vor allem Frauen* von den Folgen des Klimawandels betroffen sind, findet zwischen Abkürzungs-Wirrwarr und technokratischen Fachgesimpel kein Gehör. Die Gleichberechtigung zwischen Frauen* und Männern* gilt seit der 4. UN-Weltfrauenkonferenz 1995 als eigenes „Entwicklungsziel“. Dieses Ziel wird vor allem in klimapolitischen Fragen außen vor gelassen.

Der Diskurs um den Klimawandel ist geschlechterblind

Die negativen Auswirkungen des Klimawandels werden mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit vor allem die ärmsten Menschen und Länder am stärksten treffen. Die hohe Verwundbarkeit ist auf die besondere Abhängigkeit armer Menschen von natürlichen Ressourcen, wie die Verfügbarkeit von fruchtbaren Boden oder die Niederschlagsmenge, zurückzuführen. Frauen* stellen dabei einen überproportional hohen Anteil (über 70 Prozent) der armen Menschen in Ländern des Globalen Südens dar und das vor allem in sog. Communities, die besonders von natürlichen Ressourcen abhängig sind. Es sind also besonders Frauen*, die in besonderem Maße von den Folgen des Klimawandels getroffen werden können und ein Großteil der Last tragen müssen.

Problem 1:
Die geschlechter-hierarchische Arbeitsteilung

In Ländern des Globalen Südens erzeugen Frauen* 60 bis 80 Prozent der Grundnahrungsmittel, besitzen aber nur 10 Prozent der Anbaufläche und nur ca. 2 Prozent der Bodenrechte. Weltweit erledigen Frauen* schätzungsweise 70 Prozent der unbezahlten Arbeit, bekommen aber nur etwa 10 Prozent der Einkommen und verfügen über nur 1 Prozent des Weltvermögens. Der Zugang zu natürlichen und gesellschaftlichen Ressourcen ist von einer starken Asymmetrie zwischen Frauen* und Männern* geprägt. Diese gesellschaftlichen ungleich verteilten soziale Güter und Nutzungsrechte sind eine zentrale Dimension geschlechtlicher Ungerechtigkeit.

Die ungleichen Geschlechterverhältnisse beruhen weltweit auf einer gesellschaftlichen Arbeitsteilung, die Frauen* und Männer* verschiedenen Geschlechterrollen zuweist. Frauen sind oft für die Überlebenssicherung der Familien und Haushalte verantwortlich. Ihr Handlungs- und Entscheidungsmöglichkeiten ist, je nach kulturellen und regionalem Kontext, kleiner als die der Männer*. Damit sind Frauen* besonders abhängig und haben nur eingeschränkte Möglichkeiten sich auf die Folgen des Klimawandels einzustellen.

Problem 2:
Männlich* dominierte Klimaverhandlungen

Die Klimaverhandlungen sind stark männlich* dominiert. Damit werden Lösungen vor allem von einer androzentrischen Sichtweise geprägt. Die Lebensrealität von Frauen* wird auch in den Klimaverhandlungen nicht mitgedacht. Damit verwundert es nicht, dass weder die UN-Klimarahmenkonvention noch das Kyoto-Protokoll Genderaspekte oder Frauen als besonders betroffene Gruppe erwähnen.

Problem 3:
Die rein naturwissenschaftliche Perspektive auf Klimapolitik

In der Klimapolitik wird vor allem nach technischen Lösungen gesucht. Soziale und wirtschaftliche Rahmenbedingungen von Betroffenen werden wenig, soziale Hierarchien und Machtverhältnisse eigentlich nicht miteinbezogen. Klimaschutzmaßnahmen sind überwiegend auf Marktmechanismen und (Groß-)Technologien ausgerichtet. Diese Perspektive prägte auch die Anpassungsdebatte vor allem im Globalen Süden. Dabei wurde nie wirklich hinterfragt, welchen Nutzen diese Anpassungsmaßnahmen, wie z.B. der CDM, für betroffene Bevölkerungsgruppen wirklich hat.

Frauen* an die Macht – auch in der Klimapolitik!

Es braucht ein Umdenken in der Klimapolitik. Um die Auswirkungen des Klimawandels in den Griff zu bekommen, braucht es Marktmechanismen zur Treibhausgas-Reduktion. Darüberhinaus muss der klimapolitische Diskurs erweitert werden. Das Wissen von Frauen* in Bezug auf Anpassung muss genutzt werden. Da vor allem Frauen* für die Energieversorgung zuständig sind, ist es vor allem ihnen möglich Strategien für passende Anpassungsmaßnahmen zu entwickeln. Es braucht genderspezifische sowie auch Capacity Building-Strategien für lang-, mittel-, und kurzfristige Politiken, die die Mitwirkung von Frauen*, nicht nur als Nutznießerinnen bzw. „Opfer“, sondern auch als aktive zentrale Akteurinnen sehen und dabei auch die verschiedenen Lebensrealitäten von Frauen* mitdenkt.

Eine große Anzahl von strategischen Entscheidungen zum Klimawandel und den betreffenden Policies werden während diverser COP Meetings getroffen. Darüber hinaus ist es zentral, dass auf den Klimaverhandlungen und anderen Lobbyveranstaltungen Frauen* gleichberechtigt und in gleicher Zahl teilnehmen können. Nur so kann einem androzentrischen Blick auf Klimapolitik entgegengewirkt werden. Vor allem die EU und andere zentrale Akteur*innen der internationalen Klimapolitik stehen hier in einer besonderen Verantwortung Geschlechtergerechtigkeit aktiv umzusetzen!

Es ist eine große Herausforderung in einem so technischen und männer*dominierten Politikfeld die Genderdimension herauszustellen. Doch ohne Geschlechtergerechtigkeit wird es keine Klimagerechtigkeit geben. Gender Mainstreaming muss deswegen auch im klimapolitischen Diskurs ankommen!

Anmerkung:
Das Gender-Sternchen (*) hinter “Frauen” und „Männern“ soll deutlich machen, dass es diese Woche nicht nur um Menschen gehen soll, die “biologisch” weiblich/männlich sind, sondern um alle, die sich als Frau/Mann definieren, fühlen oder verstehen, ebenso wie Menschen, die sich keinem Geschlecht zuordnen wollen.